Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von Dr. Otto Karl Wirtz, langjährigem Schulleiter (1994-20099) unserer Schule und einer prägenden Persönlichkeit für eine ganze Generation von Schülerinnen und Schülern, Eltern sowie Kolleginnen und Kollegen.
Als Dr. Wirtz 1994 die Leitung übernahm, brachte er einen Führungsstil mit, der gleichermaßen fordernd wie vertrauensvoll war: Er gab Orientierung, ließ aber Raum. Er führte „mit langer Leine“, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern als bewusstes pädagogisches Prinzip: Eigeninitiative wurde ermöglicht, Talente wurden gesehen und gefördert. Wo Grenzen überschritten wurden, zeigte er klare Kante, fair, nachvollziehbar und mit dem Anspruch, dass Schule mehr sein muss als Verwaltung.
Modernisierung mit Augenmaß und Vertrauen in Verantwortung
In seine Amtszeit fiel ein Schritt, der heute selbstverständlich wirkt, damals jedoch Mut und Weitsicht verlangte: die Einführung des Internets an der Schule, ermöglicht über eine Standleitung der Rheinischen Post und außerordentlich engagierte Schüler der späten 90er Jahre.
Dr. Wirtz begegnete dieser neuen Welt nicht mit Reflexen des Verbots, sondern mit einer seltenen Kombination aus Wohlwollen und Vertrauen: Er ließ Entwicklungen zu, beobachtete, gab Spielräume, und nahm dabei in Kauf, dass Lernprozesse nicht reibungslos verlaufen. Genau dieses Vertrauen hat viele von uns nachhaltig geprägt.
Identität stiften: 450 Jahre Schule und gelebte Partnerschaften
Bereits 1995 feierten wir das 450-jährige Schuljubiläum, ein Meilenstein, der sich aus der Gründung der Vorgängerinstitution „Herzogliche Landesschule“ Anno 1545 ergibt.
Dr. Wirtz verstand Tradition nicht als Museum, sondern als Auftrag: aus Herkunft Zukunft zu machen. Dazu passten die von ihm mitgetragenen Schulpartnerschaften, insbesondere mit Frankreich, ebenso wie die regelmäßigen, umfangreichen Exkursionen innerhalb Deutschlands und ins europäische Ausland. Schule war unter ihm nicht nur Unterrichtsraum, sondern Erfahrungsraum.
Kulturelle Blüte und „Kernraum“ für Engagement
Viele Ehemalige verbinden seine Ära mit einer kulturellen und extracurriculären Dynamik, die ihresgleichen suchte: mehrere Schülerzeitungen, regelmäßige Jahrbücher, lehrerfreies Oberstufentheater, große Kunstprojekte und Kooperationen mit Akteuren der Zivilgesellschaft. Dass eine Schule so aufblühen kann, braucht mehr als gute Ideen, es braucht eine Leitung, die nicht blockiert, sondern ermöglicht.
Bau, Bestand und Zukunftsfähigkeit
Auch baulich wurde die Schule in diesen Jahren weiterentwickelt. Die später erfolgte grundlegende Erneuerung des Gebäudebestands und die Renovierung des Altbaus (inklusive Wiederherstellung von Turm und Dachgiebel) markieren eine Phase, in der Substanz bewahrt und Zukunftsfähigkeit hergestellt wurde.
Dass solche Vorhaben gelingen, braucht Beharrlichkeit, Moderation und das Talent, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen, Fähigkeiten, die Dr. Wirtz über Jahre als „Manager“ im besten Sinne unter Beweis stellte.
Autor, Pädagoge, Heimatkundler und Mensch mit Humor
Dr. Wirtz war Autor zahlreicher Bücher und Veröffentlichungen. Dass sein Interesse nicht an Schulmauern endete, zeigen auch heimat- und kulturgeschichtliche Themen, die er publizistisch bearbeitete (u. a. „Jan Wellem – Geliebter Verschwender“, „Rheinisch-Bergische Sagen und Legenden“).
Und wer ihn erlebt hat, erinnert sich nicht nur an Klarheit und Verantwortung, sondern auch an feinen Humor: legendär bleiben die Bilder aus seinem Französisch-Lehrwerk, die ihn und seine Frau als „Räuber“ im heimischen Garten zeigten, eine kleine Szene, die viel über seinen Stil verrät: Bildung darf ernst sein, aber sie muss nicht humorlos sein.
Dank und Abschied
Wir trauern um einen Schulleiter, der Gestaltungsspielräume nicht hinter Paragrafen versteckte, sondern sie nutzte, unbürokratisch, zugewandt und mit dem klaren Blick für das, was Schule im Kern ausmacht: Menschen zu befähigen.
Viele von uns sind stolz und dankbar, Teil dieser Zeit gewesen zu sein.
Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau, seiner Tochter und seinen Enkelkindern.
Wir wünschen ihnen Kraft, Trost und die Gewissheit, dass Dr. Otto Karl Wirtz in der Erinnerung der Schulgemeinschaft weiterlebt.
Für den Ehemaligenverein des Görres-Gymnasiums
Philipp Schuch, Schriftführer




