Wenn man selbst ein Unternehmen aufgebaut hat, entwickelt man vermutlich einen etwas anderen Blick auf Start-ups und Investments.
Mich interessieren weniger Hochglanz-Pitchdecks, möglichst große TAMs und die Frage, wie schnell sich ein Unternehmen zum Unicorn entwickeln könnte. Viel spannender finde ich die Menschen hinter einer Idee, das Problem, das sie lösen wollen, und die Frage, ob daraus ein vernünftiges Geschäftsmodell entstehen kann.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit gradar selbst erlebt habe, wie lange es dauern kann, aus einer Idee ein funktionierendes Unternehmen zu bauen.
Inzwischen bin ich neben gradar an einigen weiteren Unternehmen beteiligt. Die Investments sind ziemlich unterschiedlich: ein HR-Tech-Unternehmen aus Düsseldorf, Mikrohotels aus Überseecontainern, eine Compensation-Plattform aus Mauritius und ein weiteres Compensation-Unternehmen aus Serbien.
Auf den ersten Blick hat das nicht unbedingt viel miteinander zu tun.
Auf den zweiten schon.
gradar: Mein eigenes Unternehmen
Meine mit Abstand größte unternehmerische Beteiligung ist natürlich gradar. Ich halte 70 Prozent der Anteile und bin CEO des Unternehmens.
Die Geschichte von gradar habe ich an anderer Stelle schon ausführlicher beschrieben. Angefangen haben wir mit einer eigentlich recht einfachen Idee: Stellenbewertung sollte kein Geheimwissen großer Unternehmensberatungen sein, sondern als modernes, verständliches und bezahlbares Werkzeug direkt von Unternehmen genutzt werden können.
Daraus ist inzwischen deutlich mehr geworden.
gradar verbindet Stellenbewertung und Stellenarchitektur mit Vergütungsmanagement, Marktvergleichen und Entgelttransparenz. Unternehmen können Stellen strukturiert bewerten, Job Levels und Karrierepfade aufbauen, Gehaltsbänder entwickeln, Vergütungsdaten analysieren und prüfen, ob gleichwertige Arbeit auch tatsächlich vergleichbar vergütet wird.
Das Geschäftsmodell dahinter ist ein klassisches B2B-SaaS-Modell: Wir haben traditionelles Beratungswissen in Software übersetzt und verkaufen den Zugang zu dieser Plattform an Unternehmen. Das ist für mich bis heute einer der spannendsten Aspekte von gradar. Wissen, das früher häufig in PowerPoint-Präsentationen, Excel-Dateien oder den Köpfen einzelner Berater steckte, wird damit zu einem skalierbaren Produkt.
Von Düsseldorf aus haben wir gradar von Anfang an international gedacht. Dazu gehören heute auch unsere Gesellschaften in Großbritannien und den USA.
Und natürlich ist gradar für mich kein Investment im klassischen Sinne.
Es ist das Unternehmen, in das ich seit über einem Jahrzehnt den größten Teil meiner unternehmerischen Energie gesteckt habe.
Roatel: Das Hotel kommt zum Gast
Ganz anders ist meine Beteiligung an Roatel.
Auf die Idee aufmerksam geworden bin ich durch meinen Freund Christian Theisen. Er hat 1990 sein Abi am Görres gemacht und ich habe ihn Ende der 90er durch meine Arbeit im Ehemaligenverein kennengelernt.
Christian hatte gemeinsam mit seinen Mitgründern bereits mehrere Unternehmen aufgebaut und kam irgendwann mit einer Idee um die Ecke, die zunächst ungewöhnlich klingt: Überseecontainer zu kleinen Hotels umzubauen und sie dort aufzustellen, wo klassische Hotels fehlen.
Also insbesondere entlang der Autobahnen.
Der regulatorische Hintergrund war das EU-Mobilitätspaket. Seit 2020 ist noch einmal klarer geregelt, dass Berufskraftfahrer ihre regelmäßige wöchentliche Ruhezeit nicht im Fahrzeug verbringen dürfen. Die Unterkunft außerhalb des Fahrzeugs muss zudem vom Arbeitgeber bezahlt werden.
Das Problem daran: Wer einmal versucht hat, mit einem 40-Tonner spontan ein Hotel in Autobahnnähe anzufahren und dort auch noch einen geeigneten Parkplatz zu finden, erkennt relativ schnell die Marktlücke.
Roatel dreht deshalb das klassische Hotelmodell gewissermaßen um.
Nicht der Gast fährt zum Hotel.
Das Hotel kommt zum Gast.
Dafür werden wiederverwendete 45-Fuß-Überseecontainer zu kleinen Mikrohotels ausgebaut. Ein Container enthält vier Einzelzimmer mit jeweils rund 7,5 Quadratmetern. Gebucht wird digital, Personal für eine klassische Rezeption ist vor Ort nicht notwendig. Inzwischen wächst Roatel nicht nur über eigene Standorte, sondern auch über Standort- und Franchise-Partner.
Aus der ursprünglichen Lösung für Fernfahrer ist dabei ein breiteres Angebot geworden. Auch Monteure, Geschäftsreisende und andere Menschen auf der Durchreise nutzen die Zimmer.
Mich hat an Roatel von Anfang an die Kombination aus regulatorischem Impuls, einem sehr konkreten Problem und einer vergleichsweise pragmatischen Lösung gereizt.
Deshalb habe ich früh investiert.
Manchmal muss eine Geschäftsidee eben nicht die nächste künstliche Intelligenz erfinden. Manchmal reicht es, genau hinzusehen, wo Menschen ein Problem haben, und dafür eine bessere Lösung zu bauen.
TheWorkrate: Aus Afrika für Afrika
Bei TheWorkrate schließt sich der Kreis zu meiner eigenen beruflichen Welt.
Die Gründer Telma Le Guen und Daniel Karori habe ich über gradar kennengelernt. Beide verfügen über langjährige Erfahrung in Compensation und Organisationsentwicklung in zahlreichen afrikanischen Märkten. Ihr Unternehmen sitzt auf Mauritius und konzentriert sich mit seiner Arbeit auf afrikanische Märkte, unter anderem stark auf Ostafrika und Kenia.
Was mir an der Idee gefällt, lässt sich relativ einfach zusammenfassen:
Eine Lösung aus Afrika für Afrika.
Der Compensation-Markt wird bis heute stark von amerikanischen Anbietern geprägt. Deren Modelle, Daten und Methoden werden dann gerne weltweit ausgerollt.
Das funktioniert manchmal.
Und manchmal eben nicht.
Vergütung ist stark vom lokalen Kontext abhängig. Gehälter sind dabei nur ein Teil der Rechnung. Allowances, Benefits, Incentives, Mobilität, Versicherungen und andere Bestandteile der Total Rewards unterscheiden sich erheblich zwischen Ländern und Regionen.
Genau hier setzt TheWorkrate an. Die Plattform sammelt lokalisierte Vergütungsdaten und verbindet Salary Benchmarking mit Informationen zu Benefits, Incentives und weiteren HR-Praktiken. Aktuell umfasst das Angebot Daten aus mehr als zehn afrikanischen Ländern sowie zahlreiche Job Families und Vergütungspraktiken.
Das Geschäftsmodell ist damit ebenfalls daten- und softwaregetrieben: Unternehmen erhalten über eine digitale Plattform Zugang zu lokal relevanten Vergütungsinformationen und Werkzeugen für Job Matching, Benchmarking und Compensation Analytics.
Was mich daran besonders überzeugt, ist aber nicht nur die Nähe zu meinem eigenen Fachgebiet und die mögliche Anbindung an gradar.
Ich glaube grundsätzlich daran, dass erfolgreiche Lösungen für afrikanische Märkte nicht inLondon, New York, Paris oder Düsseldorf gebaut werden können.
Lokale Gründer kennen ihre Märkte besser.
Sie kennen die Besonderheiten.
Sie kennen die Kunden.
Und sie kennen häufig auch die Probleme, die internationale Anbieter gar nicht sehen.
Genau darin liegt für mich die Chance von TheWorkrate.
CompensationX: Belgrad, Daten und ziemlich viel Energie
Auch CompensationX ist über mein gradar-Netzwerk zu mir gekommen.
Das Unternehmen stammt aus Serbien und baut eine Plattform für Salary Benchmarking und Compensation Analytics auf. Hinter CompensationX steht Nikola Mijailovi?, den ich ebenfalls über mein gradar-Netzwerk kennengelernt habe.
Inhaltlich liegt CompensationX damit natürlich sehr nahe an meiner eigenen Welt.
Das Unternehmen sammelt aktuelle Vergütungs- und Benefits-Daten von teilnehmenden Unternehmen und stellt daraus Benchmarks zur Verfügung. Arbeitgeber können ihre eigenen Gehälter mit dem Markt vergleichen, Salary Gaps analysieren und ihre Vergütungsentscheidungen stärker auf Daten statt Bauchgefühl stützen.
Interessant finde ich besonders das Datenmodell: Teilnehmende Unternehmen liefern regelmäßig neue Gehaltsdaten und erhalten dafür Zugang zu aktuellen, hyper-lokalen Benchmarks. Daneben gibt es kostenpflichtige Modelle mit umfangreicheren Auswertungsmöglichkeiten. CompensationX arbeitet inzwischen mit mehr als 150 Unternehmen und bietet Benchmarks für mehr als 150 Rollen; neben Serbien sind auch Kroatien und Nordmazedonien abgedeckt.
Natürlich gibt es Überschneidungen zu gradar.
Das schreckt mich aber nicht ab.
Im Gegenteil: Märkte entwickeln sich durch Wettbewerb, unterschiedliche Ansätze und Unternehmer, die Dinge ausprobieren. Und gerade im Compensation-Tech-Markt passiert derzeit international ausgesprochen viel und ich freue mich darauf auch diese Lösung mit gradar zu verbinden.
Was mich bei CompensationX darüber hinaus fasziniert, ist Belgrad.
Ich habe die Gründerszene dort als enorm energiegeladen erlebt. Es gibt viele hervorragend ausgebildete Menschen, starke technische Kompetenzen und einen bemerkenswerten unternehmerischen Willen, Produkte nicht nur für den heimischen Markt, sondern international zu bauen.
Diese Kombination finde ich spannend.
Was meine Investments miteinander verbindet
gradar, Roatel, TheWorkrate und CompensationX sind sehr unterschiedliche Unternehmen.
Und trotzdem erkenne ich ein Muster.
Ich investiere offenbar gerne in Geschäftsmodelle, bei denen ich das Problem verstehen kann.
Noch wichtiger ist mir aber, die Menschen zu kennen.
Christian ist ein Freund. Telma und Daniel habe ich durch gradar kennengelernt, mit Daniel bin ich mittlerweile auch befreundet. Auch der Kontakt zu Nikola entstand über mein eigenes berufliches Netzwerk.
Das ist kein Zufall.
Bei einem frühen Investment gibt es zwangsläufig sehr viele Unbekannte. Businesspläne ändern sich. Produkte ändern sich. Märkte ändern sich. Kunden verhalten sich anders als erwartet.
Die Menschen bleiben.
Deshalb investiere ich lieber in Unternehmerinnen und Unternehmer, deren Denken, Energie und Arbeitsweise ich kennenlernen konnte, als in die vermeintlich perfekte Präsentation eines mir völlig unbekannten Teams.
Und vielleicht ist das die wichtigste Gemeinsamkeit meiner Beteiligungen:
Überall versuchen Menschen, ein konkretes Problem besser zu lösen als bisher.
Mit Software.
Mit Daten.
Mit lokaler Marktkenntnis.
Oder eben mit einem Überseecontainer an einer Autobahn.
Ich finde alle vier Varianten spannend. Und wir werden sehen, was als nächstes kommt.