Zustand nach Sitzung der Schulpflegschaft

Es gibt Sitzungen, nach denen man nach Hause fährt und sich fragt, ob man gerade einer Schulpflegschaft beigewohnt hat oder einer exemplarischen Übung darin, wie Eigenverantwortung möglichst früh und möglichst gründlich abtrainiert wird.

Ein Thema: der sogenannte Abi-Soli.

Oder soll er künftig Abi-Obulus heißen?

Allein diese sprachliche Verschiebung ist bezeichnend. Aus Solidarität wird eine Art erwartbare Abgabe. Aus freiwilliger Unterstützung wird ein institutionalisierter Mechanismus. Und am Ende steht die Frage im Raum, ob Eltern den dann weitgehend volljährigen Abiturientinnen und Abiturienten weiterhin so umfassend unter die Arme greifen müssen, dass diese ihre eigenen Aktivitäten nicht mehr selbst organisieren, finanzieren und verantworten müssen.

Das Ganze wirkt zudem reichlich kontrafaktisch. Die Mittel wurden offenbar kaum oder gar nicht in Anspruch genommen. Der gemeinnützige Förderverein kann die Verwaltung aus steuerrechtlichen Gründen nicht mehr übernehmen. Trotzdem wird weiter diskutiert, als ginge es um eine zentrale soziale Errungenschaft, deren Abschaffung zwingend zu massenhafter Ausgrenzung führen müsste.

Natürlich soll niemand von Abifeierlichkeiten ausgeschlossen werden, weil das Geld fehlt. Aber genau dafür braucht es pragmatische, diskrete und rechtssichere Lösungen. Nicht zwingend ein weiteres Elternsystem, das jungen Erwachsenen signalisiert: Keine Sorge, wenn es organisatorisch, finanziell oder unternehmerisch schwierig wird, springen wir schon ein.

Wir haben damals Geld verdient, indem wir Feten organisiert und Werbung für die Abizeitung verkauft haben. Wir haben gefragt, telefoniert, verhandelt, kassiert, abgerechnet und Verantwortung übernommen. Und unsere Eltern haben uns dabei genau gar nicht unterstützt. Das war nicht grausam. Das war lehrreich.

Man musste sich kümmern.

Man musste sich etwas einfallen lassen.

Man musste mit Ablehnung umgehen.

Man musste liefern.

Heute scheint schon der Gedanke daran, dass Schülerinnen und Schüler selbst Geld verdienen wollen, fast verdächtig zu sein. Als sei wirtschaftliche Initiative etwas Unanständiges. Als sei der Wunsch, ein Ziel zu verfolgen und dafür Einnahmen zu erzielen, pädagogisch problematisch. Als müsse Schule junge Menschen vor genau jenen Erfahrungen schützen, die sie später im Leben dringend brauchen werden.

Das zweite Thema war das Sommerfest.

Die Klasse meiner Tochter hat in den vergangenen Jahren mit ihren Aktivitäten deutlich überperformt. Gute Ideen, hoher Einsatz, ordentliche Einnahmen. Nun gibt es offenbar die Regel, dass die Einnahmen künftig innerhalb der gesamten Stufe geteilt werden.

Top Performer schleppen also Low Performer mit.

Eigeninitiative wird bestraft.

Wer sich Mühe gibt, wer kreativ ist, wer organisiert, verkauft, aufbaut, abbaut, kommuniziert und Verantwortung übernimmt, hat am Ende keinen echten Vorteil mehr gegenüber denen, die weniger beitragen. Das mag sich gerecht anhören. Ist es aber nicht. Es ist ein ziemlich zuverlässiger Weg, Motivation zu zerstören.

Denn Kinder und Jugendliche verstehen solche Signale sehr genau. Sie merken, ob Leistung zählt. Sie merken, ob Einsatz anerkannt wird. Sie merken, ob es einen Unterschied macht, ob man sich kümmert oder nicht. Und wenn die Botschaft lautet: Am Ende wird ohnehin alles gleich verteilt, dann darf man sich nicht wundern, wenn irgendwann immer weniger Menschen bereit sind, mehr zu tun als unbedingt nötig.

Der Wunsch, Geld für die Klassenkasse zu verdienen, ein Ziel mit Nachdruck zu verfolgen und gemeinsam wirtschaftlich erfolgreich zu sein, wird dem angewandten Sozialismus geopfert.

Das klingt hart. Aber was ist es denn sonst, wenn Einnahmen entkoppelt werden von Initiative, Einsatz und Verantwortung?

Ähnlich irritierend ist die Idee, Einnahmen aus einem Zeitungsprojekt der 8. Klasse quasi automatisch an eine soziale Einrichtung weiterzuleiten. Gegen soziales Engagement ist überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Aber auch soziales Engagement sollte bewusst, freiwillig und reflektiert erfolgen. Nicht als automatischer moralischer Reflex, der jungen Menschen vermittelt: Wenn ihr Geld verdient, muss es erst einmal umverteilt werden. Denn Geld verdienen für die eigene Gemeinschaft, die eigene Klassenfahrt, das eigene Projekt oder die eigene Kasse scheint irgendwie anrüchig zu sein.

Warum eigentlich?

Warum ist es in der Schule problematisch, wirtschaftlich erfolgreich sein zu wollen?

Warum wird Eigenverantwortung so oft mit Egoismus verwechselt?

Warum wird Unternehmergeist nicht gefördert, sondern eingehegt, umverteilt und moralisch verdächtig gemacht?

Ich halte das für eine fatale Entwicklung.

Denn ein Land lebt nicht von der systematischen Entmutigung seiner Macherinnen und Macher. Es lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen, Ideen entwickeln, Risiken eingehen, Dinge organisieren, andere überzeugen und Ergebnisse erzielen. Es lebt von denen, die nicht nur fragen, was verteilt werden kann, sondern erst einmal etwas schaffen, das überhaupt verteilt werden könnte.

Unternehmerinnen und Unternehmer haben dieses Land erfolgreich gemacht. Nicht allein, selbstverständlich. Aber ohne Unternehmergeist, ohne Leistungsbereitschaft, ohne ökonomische Vernunft und ohne den Willen, etwas aufzubauen, wäre von unserem Wohlstand nicht viel übrig.

Schule sollte junge Menschen darauf vorbereiten, Verantwortung zu übernehmen. Für sich selbst. Für andere. Für gemeinsame Projekte. Für Geld. Für Entscheidungen. Für Erfolg und auch für Misserfolg.

Stattdessen entsteht manchmal der Eindruck, dass genau diese Verantwortung möglichst lange von ihnen ferngehalten werden soll. Eltern organisieren. Eltern zahlen. Eltern regeln. Und wenn Kinder oder Jugendliche aus eigener Kraft etwas auf die Beine stellen, wird das Ergebnis kollektiviert, moralisch umetikettiert oder administrativ entschärft.

So erzieht man keine selbstständigen jungen Erwachsenen.

So erzieht man Hilflosigkeit.

Und am Ende wundern sich alle, warum es immer weniger Menschen gibt, die Verantwortung übernehmen wollen.

Ein Kommentar zu „Zustand nach Sitzung der Schulpflegschaft“

  1. Hallo Philipp,
    ich finde deinen Blogbeitrag sehr spannend und wichtig. Auch bei meinem Arbeitgeber wird Verantwortung oft weitergereicht und gerne auf die nächste Hierarchieebene verschoben. Das macht uns insgesamt sehr langsam – und verwandelt Themen, die man eigentlich mit Begeisterung verfolgen könnte, in bloße Auftragsarbeiten, hinter denen die Mitarbeitenden häufig nicht wirklich stehen. In diesem Punkt bin ich absolut bei dir.
    Schwieriger finde ich allerdings den Einsatz einiger Begriffe wie Low Performer, Top Performer, angewandter Sozialismus oder moralischer Reflex. Ich kann mir vorstellen, dass du den Beitrag in einem eher emotionalen Moment geschrieben hast – aus meiner Perspektive schießt du hier jedoch teilweise über das Ziel hinaus.
    Die Einteilung in Low Performer und Top Performer teilt Menschen recht stark in „gut“ und „schlecht“. Gerade im von dir beschriebenen Kontext gibt es jedoch sehr viele Zwischentöne. Bitte versteh mich nicht falsch: Ich bin durchaus der Meinung, dass Leistung sich widerspiegeln darf. Dennoch halte ich diese begriffliche Einteilung für problematisch – insbesondere in einem Umfeld, das Fehler zulassen und Lernen fördern soll.
    Zudem wird an dieser Stelle Erfolg stark mit Leistung gleichgesetzt. Beides hängt zwar zusammen, ist aber nicht identisch: Man kann mit vergleichsweise geringem Einsatz erfolgreich sein – und umgekehrt kann hohe Leistung durchaus ohne den gewünschten Erfolg bleiben.
    Aus meiner Sicht wäre es hilfreicher, wenn unterschiedliche Leistungs- und Erfolgsniveaus stärker in den Austausch kommen: Was hat zu besseren Ergebnissen geführt? Welche Erkenntnisse wurden gewonnen? Und wie können wir gemeinsam beim nächsten Mal bessere Resultate erzielen?
    Auch der Begriff moralischer Reflex ist aus meiner Sicht schwierig, weil er Moral ohne weitere Einordnung schnell negativ konnotiert. Für mich ist Moral eng mit Prinzipien wie der Goldenen Regel oder dem kategorischen Imperativ verbunden – und sollte entsprechend differenziert betrachtet werden. Deinen Punkt hättest du meiner Meinung nach auch allein mit dem Begriff „Reflex“ klar machen können.
    Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „angewandter Sozialismus“: Er verschiebt die Diskussion unnötig in eine politische „Wir-gegen-sie“-Dimension, ohne dem eigentlichen Argument zusätzliche Klarheit zu geben.

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