Es gibt Zettel im Schaufenster, die liest man locker im Vorbeigehen, und es gibt Zettel, deren Bedeutung realisiert man erst, wenn die Konsequenzen im Laufe der Zeit klar werden. Anfang des Jahres war das bei der Metzgerei Inhoven an der Werstener Dorfstraße der Fall: Insolvenz, Betrieb geschlossen, DIN-A4-Seite am Fenster, Gespräche mit dem Amt. Für ein Geschäft, vor dem sonst die Leute bis zur nächsten Straßenecke standen, ist das eine ziemliche Zäsur.
Im August 2026 stand ich dann wieder dort und habe Würstchen für den Grill gekauft. Und das ist der eigentliche Punkt dieses Beitrags: Es geht weiter.
Was passiert ist
Der Hintergrund ist schnell erzählt und weniger spektakulär, als es die Schlagzeilen nahelegen. Peter Inhoven ist seit einigen Jahren gesundheitlich angeschlagen, und wer schon einmal ein inhabergeführtes Handwerksunternehmen von innen gesehen hat, weiß, wie schnell so etwas durchschlägt. In einem Betrieb, in dem der Chef gleichzeitig Produktion, Einkauf, Vertrieb, Marketing und Kundenbindung ist, gibt es keine zweite Reihe, die das auffängt. Fehlentscheidungen summieren sich, Lieferungen bleiben aus, Kunden springen ab. Kein Knall, sondern ein schleichender Prozess.
Das ist bitter, weil Inhoven über Jahrzehnte genau das Gegenteil verkörpert hat: Der Laden besteht seit 1938, in dritter Generation, und Peter Inhoven hat aus dem klassischen Metzgerhandwerk einen „Wurstzirkus“ gemacht – mit Bühne, mit Kostüm, mit Wurstkreationen, deren Namen allein schon den Weg wert waren: Die Düsseldorferin, die King Laos, die Eichsfelder und viele andere Variationen, produziert in einer der dörflichsten Ecken Düsseldorfs, weit weg von der Kö. Genau deshalb sind die Leute aus dem Umland angereist und haben in Kauf genommen, dass die Nachbarn wegen der Parkplatzsituation regelmäßig genervt waren.
Warum die Nachfolge funktioniert
Übernommen hat José Antonio Velada, den Peter Inhoven seit Langem kennt und mit dem er schon lange zusammengearbeitet hat. Er ist nicht vom Fach – und das war, ehrlich gesagt, der Punkt, bei dem ich skeptisch war.
Aus meiner Sicht als Kunde: Es läuft. Die Ware stimmt, der Laden ist offen, die Abläufe sitzen. Velada hat sich in den vergangenen Monaten sichtbar etabliert und macht das aus meiner Sicht sehr vernünftig. Und der alte Meister ist weiterhin im Hintergrund dabei und hat damit einen Ort, um seiner Kunst nachzugehen.
José bringt sein eigenes Familienetzwerk ein und bezieht regelmäßig Lieferungen aus Spanien, so finden sich immer wieder Cerdo Ibérico, luftgetrockneter Schinken sowie exzellentes Rindfleisch von alten Weiderindern in der Auslage.
Dass ich mich darüber besonders freue, hat auch einen beruflichen Beiklang. Ich beschäftige mich den ganzen Tag mit Stellen, Anforderungen und der Frage, wie Wissen in Organisationen abgebildet und weitergegeben wird. Was hier in Wersten passiert, ist im Kern nichts anderes: Handwerkliches Können wandert von einem Menschen zum nächsten, ohne Dokumentation, ohne Skills-Taxonomie, ohne Projektplan. Nur über Zeit, Vertrauen und tägliche Übung. Das ist die anspruchsvollste Form von Wissenstransfer, die es gibt – und die, die am seltensten gelingt.
Das Umfeld macht es nicht leichter
Der Kontext ist nämlich nicht gerade freundlich. Zum Jahresende hat nach 91 Jahren die Bäckerei Ingensandt an der Henkelstraße in Reisholz geschlossen – vier Generationen, ein Standort, und am Ende die banalen Gründe: kein Personal, kein Nachwuchs, ein Nebenzentrum, dessen Umfeld über die Jahre weggebrochen ist. Aus den Geschäftsräumen wird wieder eine Wohnung.
Und auch Hoch Hinaus auf der Harffstraße, das Fachgeschäft für Hochbetten und Kindermöbel, ist Geschichte. Beiden trauere ich immer noch nach. Es gibt eben Dinge, die man nicht sinnvoll online kauft, wenn man sie einmal probiert, angefasst, oder mit dem eigenen Kind ausprobiert haben muss.
Beides sind keine dramatischen Insolvenzgeschichten, sondern das ganz normale Ausdünnen einer Handelslandschaft: Wenn niemand übernimmt, ist Schluss. Genau deshalb ist der Fall Inhoven bemerkenswert – hier hat jemand übernommen.
Warum mir das persönlich etwas bedeutet
Ich kaufe dort seit Kindheitstagen ein. Früher durfte es an der Theke gerne „ein bisschen mehr sein“ – klassisches Upselling, lange bevor irgendjemand das Wort benutzt hat. 😉
Insofern: Wenn Sie in Wersten unterwegs sind, gehen Sie hin. Nicht aus Mitleid, sondern weil die Ware gut ist. Kundentreue ist die einzige Wirtschaftsförderung, die wirklich verlässlich funktioniert.
Metzgerei Inhoven, Werstener Dorfstraße 86, 40591 Düsseldorf. Dienstag bis Freitag 6 bis 13 Uhr, Samstag 7 bis 13 Uhr.